Der Sinn meiner Träume

30. Oktober 2017 at 02:15

Traum-Fantasie_SNIP_BonnybbxVielleicht bin ich auch unter anderem aus dem Grund davon abgekommen, meine Träume weiter zu beobachten, weil ich festgestellt habe, es wird lauter Zeug aus meinem Alltag zu neuen Geschichten zusammengesetzt. Meistens Dinge, die nebensächlich stattfanden: ein flüchtiger Gedanke; ein Kommentar, den man nicht ausgesprochen hat; ein kurzer bildhafter Eindruck, den man im Vorübergehen wahrgenommen hat, usw. Dies alles wird dann verquickt mit Menschen und Szenen, denen ich in den letzten 2–3 Tagen begegnete. Ich fand das vermutlich langweilig und wenig aussagekräftig.

Vor allem habe ich aufgehört, in jede Szene oder Begegnung oder in jedes Erlebnis irgendetwas hineinzuinterpretieren. Denn ich kann niemals wissen, was was ist – nicht absolut, sondern stets nur bezogen auf mich und meine aktuelle Sichtweise. Und ich glaube, ich war es auch ein wenig leid, andauernd in alles etwas hineinzuinterpretieren. Mir erschien das „unübersichtlich“ – nein, das ist das falsche Wort; ich wollte mich wieder mehr mit dem eigenen Erleben verbinden, anstatt festzustellen, daß ich Bilder, die ich im Alltag bereits erlebt hatte stets nur reproduziere und neu zusammensetze.

Jetzt frage ich mich, ob wir nicht generell all unser Erleben auf diese Weise erschaffen, und wir für unsere Erlebnisse neue Muster, Möglichkeiten, Herangehensweisen und Erlebnisfelder kreieren, indem wir Bilder und Inhalte unseres Geistes auf neue Weise zusammenfügen. Die eigenen Interpretationen ergeben dann wiederum neue Blickwinkel. Doch da man alles Wahrgenommene oder Erlebte auf jede erdenkliche Weise interpretieren kann, wird das ganze auch ein wenig „beliebig“.

Als ich damals mein Träumen beobachtete, habe ich immer nach „tieferen Bedeutungen“ gefahndet; doch heute interessiert mich im wesentlichen die Grund-Struktur, die der Funktionsweise unseres Geistes, unseres Erlebens, unserer Wahrnehmung zugrundeliegt. Ohne Interpretation. Wobei natürlich das, was ich wahrnehme, wahrscheinlich ebenfalls bereits eine Interpretation ist. Solange jedoch meine Herleitungen für mich Sinn ergeben, bin ich zufrieden, bekomme ich ein Gefühl von „Sinnhaftigkeit“. Das gilt freilich immer nur für mich. Man kann keine Erkenntnisse oder Erlebnisse verallgemeinern, denn es gibt kein Absolutes, sondern nur jeweils meine eigene Sichtweise bezogen auf die jeweilige Sache.

Katze-Fokus_SNIP_francapaschettaHierbei fällt mir wieder die Aussage von einer Frau ein, auf deren Blog ich mal im Internet gestoßen bin: Sie meinte, „Tiefe“ oder „Intensität“ sei eine „Sucht“.1 Möglicherweise hat sie das Interpretieren gemeint, denn letztlich sind sämtliche Interpretationen Kopfgeburten, die nicht das direkte Erleben darstellen. Sobald ich meine Erlebnisse interpretiere, bewerte ich sie auf die eine oder andere Weise, und jedes Bewerten schließt grundsätzlich einen Teil der betrachteten Sache aus. Denn jede Bewertung fußt in der Dualität und beinhaltet stets die Annahme eines „Besser“ oder „Schlechter“ – durch dieses Spannungsfeld kreieren wir unsere wahrgenommene Welt, unseren Erlebensraum. Sobald wir jedoch aufhören, unsere Wahrnehmungen zu bewerten und somit zu interpretieren, wird unser Erleben ein wenig „beliebig“: Wohin will man sich bewegen, wenn man weder das eine noch das andere wirklich bevorzugt? Wohin, wenn man nichts mehr als Vorteil oder Nachteil betrachtet, da alles dieselbe Gültigkeit hat?

Das bedeutet, ich muß mein Erleben neu definieren. Doch um überhaupt etwas zu erleben, muß ich wählen – ganz gleich, aus welchen Gründen. Hier kommt die vielgeschmähte „Pflicht“ ins Spiel: Weil man keine Beurteilungsgrundlage über das duale Bewerten (besser/schlechter) mehr hat, orientiert man sich an denjenigen Dingen, die vor der eigenen Nase liegen. Eine Leidenschaft für die eigenen Handlungen kann man jedoch tatsächlich nur entfalten, wenn man bestimmten Dingen gegenüber anderen den Vorzug gibt und diese in der eigenen Handlungsreichweite liegen.

Da ich keine Entscheidungsgrundlage für das Handeln in meinen Träumen erkennen konnte, wurden die Handlungen und Richtungen beliebig, was in mir ein Gefühl von „Sinnlosigkeit“ erzeugte. Und weil in unseren Träumen die „Erlebensbilder“ zusammenhangloser erscheinen als im Alltag, ist es sowieso schwieriger, hierin einen roten Faden zu finden. Darüber hinaus ist es langweilig, wenn man aufgrund der eigenen Interpretationen bereits eine Ahnung hat, in welche Richtung sich eine Situation entwickeln wird – schon auch aufgrund der hieraus resultierenden Erwartungshaltung –, wenn ich mich für die eine oder die andere Handlung entscheide.

Wir lieben Überraschungen. Wir lieben es, wenn wir eben nicht schon vorher wissen, wohin uns eine Situation führen wird. Obwohl wir im Alltag stets auf „Sicherheit“ aus sind und dadurch berechenbare und immergleiche Umstände und Situationen erschaffen, gerät unser Leben doch erst wieder in Bewegung, sobald wir überrascht werden – ob wir die überraschende Situation als „positiv“ oder „negativ“ empfinden, liegt einzig wiederum an unserer eigenen Interpretation. Dies ist tatsächlich mit ein Grund, weshalb wir so gern in einer 3D-Welt leben und wir unsere Erinnerungen an das, was wir eigentlich sind (Bewußtsein) sowie den größeren Zusammenhang, in den wir bewußtseinsmäßig eingebettet sind, gewaltsam ausblenden. Auf diese Weise kreieren wir für uns das schöne Gefühl, jede Situation sei eine neue und wir würden sie zum ersten Mal erleben.

Das ist sehr erfrischend, wenn man weiß, daß wir im nichtphysischen Zustand stets den „großen Überblick“ haben und sich unser Erleben aufgrund spontaner Impulse entfaltet. Nur in einem derartigen Zusammenhang, wie wir ihn hier erschaffen, ist es überhaupt möglich, so etwas wie „Langeweile“ oder gar „Faulheit“ zu erleben. In unseren nichtphysischen Erlebensbereichen ist das garnicht möglich, denn dort sind wir immer wach, immer in Bewegung, folgen unseren Impulsen ohne diese je anzuzweifeln oder über sie nachzugrübeln. Wozu auch, wenn man genau weiß, daß eine jede Handlung eine „richtige“ ist.

(Spax  30.10.17)

Download PDF

Fußnoten

  1. Carolyn Cowan: Mastering The Addictive Personality. Inzwischen hat sie über „Intensität“ einen eigenen Artikel geschrieben (Intensity), doch sie meint etwas gänzlich anderes als ich.