Denken oder Sein oder Tun

3. Juli 2017 at 03:00

Schreiben-Schreibmasschine_SNIP_skeezeDu hast doch sonst immer was zu tun gehabt – das kann doch jetzt nicht anders sein… Da sind genügend Dinge. Vielleicht sind sie alle nicht „wichtig“ – aber es ist doch mein Leben! Koste es aus. Es geht schon. Es geht immer etwas vorwärts, ob ich dies nun bemerke oder nicht.

Wahrscheinlich bin ich viel zu beschäftigt damit, mich wichtig zu fühlen, etwas „darstellen“ zu wollen, um wirklich am Leben teilzunehmen. Wo ist denn der Unterschied zu früher? Ja, ich dachte, all diese Vorkommnisse, all die Gefühle, all die Meinungen oder Gedanken hätten Wert! Ich fand wichtig, was ich dachte und was ich fühlte. Dieses Dingliche dahinter ist verschwunden; und auch der Antrieb, den ich später lange Zeit hatte: jenes Vorwärtsdrängen. Aber wie war es im ersten Jahr? Da lebte ich in meiner inneren Stille, lebte im Jetzt, dachte vielleicht nicht so viel. Trotzdem mußte ich Entscheidungen treffen, das behagte mir nicht. Zum Beispiel, das Studium zu beenden – einfach weil ich es begonnen hatte und fast fertig war, nicht, weil ich es für mich sinnvoll gefunden hätte, es abzuschließen. Oder die Entscheidung, den Abgabetermin meiner Abschlußarbeit noch zu verlängern. Mir war es wurscht, aber dennoch wollte ich, daß meine Abschlußarbeit gut würde.

Castaneda1 hat von seinen SchülerInnen verlangt, daß auch diese einen akademischen Abschluß machen; einfach als Übung für das Mentale, für′s Denken. Denn das Denken ist und bleibt ja auch nach dem Aufwachen ein Teil von uns. Es ist eine Frage, wie wir es nutzen! Denn einmal antrainiert, können wir das Denken nicht mehr abstellen, nur phasenweise. War es denn so gewesen, daß ich nicht „dachte“? Oder war ich einfach bloß in meiner Seins-Blase und es fühlte sich nur so an, als würde ich nicht denken? Wichtig ist, daß man weiß, in welchem „Modus“ man sich gerade befindet, oder? Aber solange ich mein Dasein in „Stille-Momente für mich“ auf der einen Seite und „Umgang mit dem Draußen“ auf der anderen Seite aufteile – vom Erleben her – bin ich nicht im Gleichgewicht. Denn Im-Jetzt-sein ist grundsätzlich eine innere Haltung, ein inneres Erleben. Solange ich meine eigene „Außenwelt“ als etwas betrachte, das weniger Wert hätte als mein Innenleben, kann ich unmöglich verbunden sein. Denn das bedeutet, daß ich stets Widerstände habe gegen meine „Außenwelt“, die doch ein Teil ist von mir und meinem Erleben.

Das Empfinden ist relevant, in jedem Aspekt meines (Er)Lebens. Solange ich mich gequält fühle bezüglich meiner Alltagsanforderungen, bin ich unmöglich verbunden. Das genau ist das „Geheimnis“: eben alles als gleichermaßen relevant zu betrachten und hineinzuspringen ins Tun des Augenblicks. Denn mein Alltag ist letztlich meine Verbindung zum Jetzt. Das Jetzt ist immer. Abraham2 und alle anderen haben recht, wenn sie sagen, daß man seine Widerstände an den Nagel hängen muß. Gestern ging es beispielsweise leicht, und ich konnte meine Widerstände gut umschiffen, als ich die Gewinnermittlung gemacht habe: immer einen nächsten kleinen Handgriff, dazwischen Rätsel oder YouTube-Filmchen, und plötzlich war′s erledigt. Man kann immer einen klitzekleinen Handgriff machen, der nicht wehtut oder allzuviel Energie erfordert.

Das Sein in jedem Augenblick ist, was die Verbindung stärkt, nicht das Verschieben meiner „Glücks“- oder Stille-Momente auf später, wenn ich allein bin oder meditiere. In jedem Augenblick mich diesbezüglich erinnern und mich zur Räson rufen, wenn ich merke, daß ich Widerstände habe. Entspannung fühlen bei allem, was ich tu′, ganz gleich, was es ist.

(Spax  3.7.17)

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Fußnoten

  1. Carlos Castaneda machte eine spirituelle Ausbildung in einer Gruppe von Sehern, die sich auch als „Zauberer“ oder „Krieger“ bezeichneten. Seine Lehrer waren vor allem Don Juan und Don Genaro.
  2. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität. Da es sich hierbei um den Ausdruck einer Gruppen-Identität handelt, sprechen sie von sich immer in der Mehrzahl.