Das große Allein

25. Juni 2015 at 02:54

Squirrel_SNIPGes­tern Abend beim Ein­schla­fen noch die­sen Ge­dan­ken ge­habt: Ich kann sie gar­nicht al­le „mit­schlei­fen“, denn das würde be­deu­ten, daß es 1) über­haupt möglich sei, je­man­den auf den Er­kennt­nis­weg zu brin­gen und dann „mit­zu­schlei­fen“, was nicht geht; und 2) müßten all die Leu­te „sich mit­schlei­fen“ las­sen wol­len und das ist ja noch­mal ei­ne ganz an­de­re Sa­che, denn ich will ja auch nir­gend­wo mit­ge­schleift wer­den und da­her we­der je­man­den über­re­den oder über­zeu­gen; 3) und am al­ler­we­sent­lichs­ten: So­bald ich bei­spiels­wei­se mei­nen Fo­kus dar­auf le­ge, daß es wich­tig sei, den Leu­ten die Vorzüge von 4D oder sonst et­was „an­zu­prei­sen“, hätte ich mei­nen Fo­kus ja auf ei­nem „Man­gel“, der da hieße, „die an­de­ren sind ja al­le so dumpf und un­ter­ent­wi­ckelt“, nicht be­den­kend, daß ge­nau das, was ich bei an­de­ren als „Man­gel“ de­fi­nie­ren würde doch mein ei­ge­ner Fo­kus wäre! Und die Fra­ge, wes­halb in mei­nem Le­ben ein Man­gel an „auf­ge­wach­ten Leu­ten“ herrscht, erübrigt sich.

Hin­zu kommt eben­so die Ar­ro­ganz, sich als et­was ganz Be­son­de­res zu fühlen, so­lan­ge ich die­sen Blick­win­kel ein­neh­me, denn da­mit stel­le ich mich au­to­ma­tisch über al­le an­de­ren, die ich ja als „un­ter­ent­wi­ckelt“ emp­fin­de. Selbst­verständ­lich wol­len wir uns al­le stets als et­was Be­son­de­res fühlen, denn wir ha­ben durch Äonen von Le­bens­er­fah­run­gen, die ge­prägt sind von Hier­ar­chi­en, ge­lernt, daß wir uns nur her­aus­he­ben, wenn wir uns über an­de­re stel­len. Natürlich ist je­der Mensch und auch sonst je­des We­sen ein ein­zig­ar­ti­ges Er­eig­nis, aber doch in sei­nem ei­ge­nen Recht!, da­durch daß er/sie/es exis­tiert, nicht auf­grund des Ran­ges in ei­ner Hier­ar­chie!

Die­sen Fo­kus auf­zu­ge­ben be­deu­tet wei­ter­hin: für sich selbst ver­ant­wort­lich zu sein und die ei­ge­ne Ent­wick­lung, nicht für die­je­ni­ge al­ler an­de­ren. Ei­ner­seits ist dies der Grund, wes­halb ich hin und wie­der Se­mi­na­re zu ir­gend­wel­chen Spi­ri-The­men be­le­ge, weil ich neu­gie­rig bin auf neue Ansätze und Ein­sich­ten; wes­halb ich aber kei­nem die­ser vor­ge­schla­ge­nen We­ge fol­gen kann ist, weil es be­deu­ten würde, mich wie­der­um in ein vor­ge­fer­tig­tes Sys­tem hin­ein­zu­pres­sen und da­ge­gen weh­re ich mich im­mer. Ich kann we­der ir­gend­ei­ner Per­son fol­gen noch ir­gend­ei­nem Sys­tem. Denn al­les, was das Le­ben für mich aus­macht ist in mir selbst.

Der al­ler­we­sent­lichs­te Ge­dan­ke ges­tern Abend war je­den­falls: Du kannst nur im­mer in dei­ne ei­ge­ne Rich­tung ge­hen. Und das be­deu­tet: den Fo­kus weg­zu­neh­men von ei­ner Be­ur­tei­lung, ei­nem Ver­glei­chen da­hin­ge­hend, wo ge­ge­be­nen­falls an­de­re in ih­rer ei­ge­nen Ent­wick­lung ste­hen – als könn­te ich oder ir­gend­ein an­de­rer dies je be­ur­tei­len! Das ist ja lächer­lich, denn das kann doch nur die Per­son selbst. Wir al­le fühlen uns schlau und kom­pe­tent – ganz gleich, ob wir fünf Jah­re alt sind, fünf­zehn oder fünf­zig. Zu je­der Zeit fühlt sich je­der in­nen­drin „im Recht“, hat das Emp­fin­den, be­reits viel ge­lernt zu ha­ben und von Er­kennt­nis zu Er­kennt­nis zu wach­sen. Nichts ist hier bes­ser als ein an­de­res.

Und weil dies so ist und je­der in­ner­lich so­wie­so sein ei­ge­nes Ding macht und sich auf sei­ne ei­ge­ne Wei­se wei­ter­ent­wi­ckelt, ist es we­der nötig noch wünschens­wert, hier ein­zu­grei­fen. Das ein­zig wirk­lich Sinn­haf­te, was man tun kann ist: sich ab­zu­wen­den von die­ser Art des Fo­kus­sie­rens und in die ei­ge­ne Rich­tung zu schau­en. Es bein­hal­tet ein we­nig das Gefühl, sich „ab­zu­keh­ren“ von dem Ge­trie­be der Welt, aber wie sonst soll­te ich mei­nen ei­ge­nen Weg er­ken­nen können?! Dreht man all die­sem Ver­gleichs- und Hier­ar­chie­wahn­sinn den Rücken, so weht ei­nem ein kal­ter Wind­hauch ent­ge­gen: Al­lein. Man fühlt sich al­lein. Es sei die ers­te Ein­sicht des Auf­wa­chens, wird ge­sagt: Ich bin im­mer und über­all al­lein. Letzt­lich ist es wie­der­um die­se Er­kennt­nis, aus der wir all un­se­re Stärke zie­hen, aber da­hin können wir erst ge­lan­gen, wenn wir durch das große Tor des Al­lein ge­schrit­ten sind. Und ein­mal reicht nicht, denn wie­der und wie­der müssen wir uns die­ser fun­da­men­ta­len Er­kennt­nis ent­sin­nen, und zwar im­mer dann, so­bald wir uns wie­der mit der Welt ver­stri­cken und uns ihr zu­wen­den. Al­so per­ma­nent und an­dau­ernd könn­te man sa­gen.

Doch das ist es ja: In­dem wir uns der Welt und ih­ren Be­lan­gen wie­der zu­wen­den, ver­stri­cken wir uns au­to­ma­tisch, je we­ni­ger das Al­lein in uns ge­fes­tigt ist; und das Dum­me dar­an ist, man be­merkt die­sen Pro­zeß nicht, er ist schlei­chend und wird genährt von drei­mil­lio­nen Zwei­feln, die mein Den­ken mir stets präsen­tiert. Wie soll ich die­se an­ge­bo­re­ne Rich­tig­keit für mein Selbst, für mein mir in­ne­woh­nen­des Al­lein auf­recht­er­hal­ten, wenn es ge­nau das ist, was uns in un­se­rem Le­bens­zu­sam­men­hang ab­trai­niert wird? Denn was wir von Tag Eins an ler­nen ist: Die An­de­ren sind rich­tig, nicht ich. Und die­ser er­lern­te Zwei­fel an uns selbst, an dem was wir sind, prägt all un­ser Den­ken und Han­deln.

Allein-Verloren_SNIPEs kos­tet im­mer Mut, sich die­ser in­ne­ren Zwei­fel-Stim­me zu wi­der­set­zen, das ist das ei­ne. Wir können die­sen Mut über­haupt nur auf­brin­gen, wenn wir – zu­meist an sehr kras­sen und deut­li­chen Wi­der­sprüchen – mer­ken, daß ich mich an et­was auf­rei­be, was ich nicht will. Das an­de­re ist, daß die­ser Selbstzwei­fel so tief in un­se­rem Den­ken ver­an­kert ist, daß wir dies über­haupt nicht be­wußt be­mer­ken und uns da­her au­to­ma­tisch in den all­ge­mei­nen Fluß der Din­ge fügen, eben oh­ne sie zu hin­ter­fra­gen. Auf­grund der er­lern­ten Struk­tur des per­ma­nen­ten Selbstzwei­fels fällt es uns so viel leich­ter, den Fo­kus in der Aus­ein­an­der­set­zung mit un­se­rer er­lern­ten Welt zu hal­ten als uns hier­von kom­plett ab­zu­wen­den.

Um in dem Fo­kus auf das Al­lein nicht ge­hin­dert oder all­zu­sehr gestört zu wer­den, zie­hen vie­le sich zurück aus ih­ren an­ge­stamm­ten Zu­sam­menhängen, „stei­gen aus“, su­chen sich ei­ne Hütte im Wald oder einen Berg­gip­fel – wha­te­ver. Zwar kann ich dort leich­ter mei­nen Fo­kus bei­be­hal­ten, weil ich auf mich selbst zurück­ge­wor­fen wer­de, doch al­les zer­bröselt, so­bald ich wie­der mit dem Rest der Welt in­ter­a­gie­re. Den­noch kann ich erst durch In­ter­ak­ti­on bis zum Kern mei­nes tief­sit­zen­den in­ne­ren Zwei­fels vor­drin­gen, da ich die­se tief­sit­zen­den Wi­der­ha­ken nicht spüren kann, wenn ich aus­sch­ließlich auf mich selbst fi­xiert bin in mei­ner Na­bel­schau. Es ist nicht das phy­si­sche Sich-Ab­keh­ren, wel­ches die­se in­ne­re Wa­cke­lig­keit bezüglich mei­nes Selbst­wer­tes sta­bi­li­sie­ren kann, son­dern wenn ich in der La­ge bin, mein in­ne­res Al­lein so­wie mei­ne in­ne­re Rich­tig­keit auch le­ben und aus­drücken kann im Ver­bund mit al­lem an­de­ren.

Dies be­deu­tet wei­ter­hin, mei­nen Fo­kus ab­zu­keh­ren von all den Wünschen und Vor­stel­lun­gen mei­ner Freun­de, mei­ner Fa­mi­lie, den Vor­ga­ben mei­ner Le­bens­zu­sam­menhänge, und in In­ter­ak­ti­on mit all die­sem den­noch un­be­irrt mei­nen ei­ge­nen Weg zu fin­den und zu ge­hen. Wie­der und wie­der und wie­der. Täglich. Nicht „ge­gen“ all die an­de­ren, son­dern trotz all die­sen An­sich­ten und Vor­stel­lun­gen, die per­ma­nent auf mich ein­pras­seln.

Die Er­kennt­nis von ges­tern Abend war je­den­falls: trotz al­lem an­de­ren und trotz all mei­ner Lie­ben und trotz der Le­ben­sumstände, in de­nen ich mich fin­de, mein Ge­sicht dem kal­ten Wind zu­zu­wen­den. Denn erst wenn ich dies tue, ak­zep­tie­re ich mein Al­lein und ge­he weg von der ab­stru­sen Vor­stel­lung, auch nur ir­gend­je­man­dem „hel­fen“ zu können. Ich mei­ne, das ha­be ich so­wie­so nicht – al­so nicht be­wußt – die­ses Bedürf­nis; doch mei­ne Hal­tung, vor al­lem mein Fo­kus zeigt mir, daß auf ei­ner un­be­wußten Ebe­ne ge­nau ei­ne sol­che Ein­stel­lung vor­han­den ist. Je­der ist auf sei­nem ei­ge­nen Weg in sei­ner ei­ge­nen Ent­wick­lung – we­der kann noch will ich hier ein­grei­fen. Doch al­les be­ein­flußt sich im­mer­fort ge­gen­sei­tig, auch wenn es sich in mei­nem Er­le­ben stets um mein „ei­ge­nes Al­lein“ han­delt.

Erst wenn ich mu­tig mein Ge­sicht dem Un­be­kann­ten ent­ge­gen­hal­te, bin ich in der La­ge, über­haupt mei­nen Weg zu ge­hen. Mögli­cher­wei­se schlägt mein Weg ei­ne Bre­sche und eröff­net neue Wan­dermöglich­kei­ten; doch kann dies nicht der Sinn sein, wes­halb ich mich dem kal­ten Wind ent­ge­gen­stel­le. Es ist voll­kom­men un­er­heb­lich, ob auch nur ir­gend­je­mand sich an­ge­spro­chen fühlt, einen neu­en Wan­der­weg ein­zu­schla­gen oder ob je­ner Un­kraut-über­wu­chert in Ver­ges­sen­heit gerät – denn das ein­zi­ge, das ein­zi­ge, was im­mer und über­all zählt ist: den ei­ge­nen Weg zu ge­hen. Und auf dem ei­ge­nen Weg ist man im­mer al­lein in­nen­drin.

(Spax 25.6.15)

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