bewertendes Wahrnehmen

9. Juli 2015 at 02:38

Bewertung_SNIPMein Hirn ist garnicht autark, es hängt sich an jeden Killefit, den es sieht, hört, wahrnimmt. Immer ist dieser Denkapparat eingeschaltet – surrr surrr surrr, wie ein Filmvorführgerät, das niemals stillsteht und jede noch so triviale Szene in den Fokus rückt. Dieser angestrengten Form des Denkens kann man überhaupt nur mit der Stille beikommen oder wenn man sich Zettel ins Hirn legt, wo z.B. „nichts“ (als Wort) draufsteht. Ein Endlosband von Nichtsen, die durch mein Hirn laufen und dieses entspannen, so daß es sich nicht mehr an jeden Quark dranhängen muß.

Schon auch interessant, wie das funktioniert, denn dieser Prozeß scheint ja ein automatischer zu sein: daß Gedankenketten sich jeweils an ein Wahrgenommenes heften. Wodurch genau nehme ich wahr? Was genau steuert meinen Fokus? Worte und Bilder – oder Empfindungen? Nein, die Empfindung kommt erst später: erst nachdem mich jemand angeschrien hat, werde ich wütend oder erst während ich einen Sonnenuntergang sehe, bin ich verzückt. Das ist das bedingte Wahrnehmen: Ich nehme etwas wahr und dies erzeugt eine impulsiv emotionale Reaktion, welche wiederum ggf. in weitere Handlungen mündet.

Wie aber gestaltet sich der Wahrnehmungsprozeß in der Gedankenstille? Tja, man könnte fast sagen, daß die „spezifische Emotion“ wegfällt. Da in der Stille ein Bewerten nicht stattfindet – eben weil die Gedanken schweigen – ist es, als dehne sich die Wahrnehmung einfach aus; man kann dies eine Offenheit, ein Sich-öffnen oder als ein Zulassen beschreiben. In diesem offenen, zulassenden Gefühl existiert eigentlich nur eine einzige Empfindung, und das ist die des Glücks – Ausdruck der bedingungs-losen Wahrnehmung. Das ist doch recht eigenartig, wie das Bewertende an sich so explizit mit unserem gewohnten Denkprozeß einhergeht, dem, was wir allgemein „denken“ nennen.

Es ist genau so, wie Don Juan1 es erklärt: Von Tag Eins an lernen wir „die Beschreibung unserer Welt“. Wir lernen Worte und deren Bedeutung, wir lernen, diese Worte mit Handlungsweisen zu verknüpfen, wir lernen, was „richtig“ sei und was „falsch“ – unser gesamtes moralisches Grundgerüst, und hieraus speisen sich all unsere „Glau­bens“­sätze. Abraham2 sagen, ein Glaubenssatz sei eine Aussage, die einfach nur oft genug wiederholt wird. Ein „Tu′ dies nicht, es ist schlecht“, setzt sich dadurch fest in uns als ein Lebenskonzept. Und weil jeder in seinem jeweiligen Umfeld stets dieselben oder ähnliche Aussagen hört oder gehört hat, leiten sich hieraus unsere „Regeln“ für ein „korrektes Verhalten und Leben“ ab. Einen massiven Einfluß haben hier die Medien, weil sie den Grundtenor der Massen widerspiegeln und auch, weil sie als „offizielle Meinung“ zementiert werden: die Meinung der Oberen, unserer Regierungen, dem, was wir gern als „Gesellschaft“ beschreiben. Doch all dies sind lediglich wahllose Meinungen oder Ansichten, die jederzeit geändert werden können. Und was dann? Dann erhalte ich „von oben“ oder „von außen“ eine neue Denkrichtung von „richtig“ und „falsch“.

All dies hat jedoch nicht das geringste mit der direkten Wahrnehmung zu tun, wie sie stattfindet, wenn die Gedanken schweigen und ich mir nicht in meinem Kopf permanent vorrede, was richtig sei und was falsch. – Viele Leute glauben, wenn wir unsere Welt nicht bewerten würden und somit die Chance hätten, „dem Guten“ zu folgen, würde diese Welt im Chaos versinken. Doch das stimmt nicht. Denn sobald die Be­wer­tungs­ge­dan­ken schweigen, der ständige Dialog mit mir selbst, finde ich mich in einem weiten offenen Empfinden, welches alles zuläßt wie es ist; ich falle hiermit automatisch in ein Glücksempfinden. Und jemand, der in einem Glücksempfinden ist, ist schlichtweg nicht in der Lage, einem Anderen oder der Welt einen Schaden zuzufügen. Wobei dieses Empfinden noch dadurch verstärkt wird, daß man im Schweigen der Kopfgedanken das Gefühl des Zulassens hat und zeitgleich weiß, daß alles seine Richtigkeit hat. Wenn ich starke Gefühle des Verliebtseins habe, bin ich nicht in der Lage, jemandem eine reinzuhau′n. Es geht einfach nicht, schließt sich aus.

Wörter-carpe diem_SNIPMan kann also sagen, daß all die Worte, die wir lernen und deren Hand­lungs­be­deu­tun­gen die Beschreibung unserer Welt ausformen. Vage Empfindungen werden in Worte gefaßt und erhalten hierdurch eine Bedeutung, die wir mit dem Rest der Welt teilen. Durch ebendiesen Prozeß des Beschreibens geraten die Worte und Bedeutungen in unser Hirn. Unser Wahrnehmungsfokus schleicht sich hierdurch fort vom direkten Wahrnehmen auf all jene Bedeutungskonzepte, mit denen wir permanent gefüttert werden. So lernen wir, unseren Fokus mehr auf dasjenige zu legen, was uns beschrieben wird, auf das, was wir als „Außenwelt“ bezeichnen. Die „Wahrnehmung aus mir selbst heraus“ tritt somit in den Hintergrund, denn diese Art des Wahrnehmens erfährt nun keine Bestätigung mehr – im Gegenteil, unsere ursprüngliche Wahrnehmung wird komplett ignoriert.

Wir leben daher in einer Art „Konzept“ könnte man sagen, in welchem die jeweils beschriebenen Bedeutungen ein größeres Gewicht haben als meine „In­nen­wahr­neh­mung“, die gegenteilig ein Empfinden erzeugt, mit allem auch verbunden zu sein. Doch wenn ich stets verbunden bin mit Allem, kann ich es nicht beschreiben. Hieraus folgt logischerweise, daß jegliches Wahrnehmen eine wie auch immer geartete Form des Außen benötigt, um überhaupt wahrgenommen werden zu können. Bin ich verbunden mit etwas, ist es ein Teil von mir und ich kann unmöglich einen Blick darauf werfen, weil ich im Empfinden der Verbundenheit dies bin! Um etwas beschreiben zu können, muß ich es erst von mir ent-äußern und als ein „Gegenüber“ wahrnehmen können.

Wirklich, ich habe keinerlei Ahnung, wo dies hinführen könnte. Denn was genau ist dann „die Einheit“ oder ein Einheitsempfinden, das ich zwar wahrnehmen, aber eben nicht beschreiben kann? Es ist das Sein, das Empfinden des „Ich bin“, das ist schon klar, aber auf welche Weise ist dieses „Ich bin“ nutzbar für irgendeine Form der Entwicklung (physisch oder nichtphysisch), wenn ich nicht beschreiben kann, was ich bin??! Nun ist es aber so, daß alle Wesen, die in 4D, 5D, sonstwas-D sich befinden, durchaus in der Lage sind, deren Wahrnehmungen zu beschreiben, und das, obwohl sie sich stets im Einheitsgefühl befinden.

Wenn du wissen willst, wie eine Zivilisation denkt, mußt du ihre Sprache lernen, sagt Bashar.3 Das stimmt, denn die jeweilige Sprache transportiert die Bedeutungen und somit die Denkweise. Je differenzierter die Beschreibungen sind, desto detaillierter scheint unser allgemeines Erleben zu sein. Jemand, der sehr tief im Einheitsempfinden schwingt, empfindet Vorkommnisse womöglich in Rhythmen von Äonen; so jemand ist nicht in der Lage, etwas so Kleinteiliges wie einen Tag (in unserer Definition), gar eine Stunde oder Sekunde wahrzunehmen. Aber ist dies „besser“? Nein, es ist lediglich eine andere Form der Wahrnehmung.

In der Stille fragt man nicht und man bewertet nicht. Die Gedankenstille verbindet mich nicht nur mit meiner direkten Wahrnehmung, sondern verbindet mich ebenfalls mit dem „Handeln im Jetzt“, welches den Augenblicks-Impulsen folgt. In der Stille empfinde ich „Liebe“ für jede Tätigkeit, die ich eben ausführe, es stellt sich nicht die Frage, ob das eine „sinnhafter“ wäre als ein anderes – man ist einfach beglückt im Tun.

Doch was machen meine Gedanken oder Gedankenprozesse, wenn sie schweigen und mir nicht ständig erklären, was was ist oder wie etwas zu sein hätte? Wie kann ich Erklärungen erhalten oder Erkenntnisse, wenn ich meine Handlungen oder meine Wahrnehmung nicht mehr beurteile?4

(Spax 9.7.15)

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Fußnoten

  1. Spiritueller Lehrer von Castaneda.
  2. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität.
  3. Bashar ist eine von Darryl Anka gechannelte Entität, die auf Essassani/Eshakani beheimatet ist.
  4. Siehe hierzu den Beitrag „Die Grenze meines Denkens“.