Beltracchi 3: Die Seele der Maler

29. September 2015 at 04:14

Kunst_pixa-1_creativity_SNIPMein Kopf ist voller „Bilderwerke“, voller Malerei.1 Der Beltracchi beschäftigt mich. Ich finde das sehr lustig: Absichtlich unterzeichnet er seine Bilder so, daß die Unterschrift nicht fälschungssicher ist. Denn das genau ist der Betrug: die Unterschrift. Und dann wird es vielleicht Leute geben, die dann von seinen Bildern die Unterschrift fälschen und diese als ein jeweiliges Original ausgeben. Ich finde das lustig.

Was für ein Genie! Was für ein Können dieser Beltracchi hat – das bewundere ich sehr. Es ist vielleicht ein „letztes“ Leben für ihn, in dem er diesen Zweig seiner Leidenschaft – das Malen – vollendet; er faßt alles zusammen. Es ist, als könne ihm niemand mehr etwas beibringen. Größtenteils war glaube ich eh schon alles in ihm angelegt, ein unglaubliches Talent; es ist, als hätte er die Malerei im Blut. Scheints hatte oder hat er es jedoch nicht in sich, irgendeinen „neuen Stil“ zu kreieren. Aber das ist erstaunlich, denn eigentlich ergibt sich das doch von selbst, wenn man solch eine Leidenschaft hat für ein Thema. Er lebt da eher in der „Retrospektive“ – obwohl: Neue Bilder zu malen „im Stile von“ ist doch eigentlich auch eine neue Richtung.

Oh wie schade: Er hat vor seiner Verhaftung seine Bilder und alle alten Rahmen zerstört – und all die Farben, das ganze Zubehör. Sehr schade. Aber weshalb die Bibliothek vernichten? Die kann doch jeder Maler haben. Ein Atelier, wo man einfach alles liegenlassen kann. Die Fleißarbeit, die liegt ihm nicht. Aber er kann sie und führt sie aus, wenn nötig. Doch ist es dieselbe Begeisterung, wie zu ergründen, was für ein Bild ein bestimmter Maler gemalt haben könnte? Jetzt muß er den Kunstmarkt nicht mehr hiervon „überzeugen“, dieser Anreiz ist verloren durch die Aufdeckung seiner Fälschungsarbeit. Es gibt hierfür keine Notwendigkeit mehr. Mich interessiert das; diese Frage, was es mit einem macht innerlich und für das eigene Schaffen. Was für ein tolles Talent! Nein, niemand will wissen, welche der anderen Bilder, die von ihm im Umlauf sind, noch Fälschungen sind. Natürlich nicht. Macht er nochmal ein Werksverzeichnis? Vermutlich nicht. Wozu?

Die Galeristin in dem Film sagt, er habe den Bildern die „Historie“ geraubt, weil er nicht im Lebensgefühl der jeweiligen Zeit gelebt hätte, dies würde den Bildern die Authentizität nehmen. Aber ich denke, er hat genau das gemacht: sich hineinversetzt in den jeweiligen Maler, in die jeweilige Zeit. Und vielleicht malt er genau all jene Bilder, die die jeweiligen Künstler tatsächlich im Kopf hatten, aber nicht gemalt haben. Denn alles, was gedacht wird, und vor allem mit einer starken Intention gedacht wird, befindet sich ja nach wie vor „im Äther“, im Bewußtsein. Vielleicht ist es genau so, und er hat durch die starke Identifikation und Beschäftigung mit dem jeweiligen Künstler genau diese Werke erfaßt und aufgespürt. Er sagt ja selbst, er habe die Künstler „sich über die Schulter schauen sehen“. Ich kann mir das gut vorstellen. Und weil deren Seelen nun nichtphysisches Bewußtsein sind, wird keiner von ihnen diesbezüglich ein Urteil darüber fällen – im Gegenteil denke ich: All jene, die er nachempfunden hat, werden ihn vielleicht sogar unterstützt haben. Lediglich der irdische, der menschliche gewesene Charakter würde gegebenenfalls die Stirn runzeln, nicht aber die Seele.

Ist das nicht wundervoll? Auf diese Weise hat Beltracchi sich mit all den Seelen „seiner“ Künstler verbunden; und auf diese Weise ihnen die Möglichkeit gegeben, sich posthum noch weiter ausdrücken zu können – wobei natürlich all diese Künstler sowieso ein Teil seiner „Seele“, seines Higher Self sind. Ich denke es ist eher so herum: daß sie sich darüber freuen, auch im „entpersonalisierten“ Zustand noch kreativ in 3D wirksam sein zu können. So oder so ist es ein „Gemeinschaftsprodukt“ von Bewußtseinsanteilen, die sich kreativ zu einer Einheit im Ausdruck verbinden. Es kann garnicht anders sein. Ist das nicht ganz wundervoll? Yes, it is…

(Spax 29.9.15)

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Fußnoten

  1. Die Gedanken beziehen sich hier im wesentlichen auf den Film Beltracchi – Die Kunst der Fälschung (Dokumentation, Deutschland 2014).
    Wolfgang Beltracchi gilt als der bisweilen größte Kunstfälscher des 20. und 21. Jahrhunderts; 2010 wurden er und seine Frau Helene überführt.