Aufgaben oder aufgeben?

16. Januar 2016 at 04:09

Ballett_SNIPIch bin glaube ich an einen Punkt gelangt, an dem ich mir sage „Ich bin halt so“ – denn nur das kann ja der Grund sein, weshalb mir meine Willenskraft irgendwie abhanden kommt. Ich bin nicht zentriert in mir, in meinem Kopf. Und die Welt, in der ich lebe interessiert mich offenbar nicht. Das ist eine dumme Haltung. Immer warte ich – warte auf irgendeine Faszination, die die Kraft hat, mich zu ziehen. Aber das ist es ja: Wenn Impulse – und seien sie auch noch so schwach – kommen und ich ihnen keinen Ausdruck verleihe, welches Zeichen gebe ich mir denn dann? Ich nehme mir die Lebenskraft dadurch, daß ich ihnen nicht nachgehe. Vor allem meine Sucht, mich immer gut fühlen zu wollen verhindert, daß ich überhaupt auch nur einen Handschlag mache.

Dazu habe ich gestern einen guten Satz gelesen von Florinda:1 „Aufgaben werden nicht diskutiert oder zurückgewiesen. Aufgaben werden aktiv angegangen.“2 Und das ist genau der Punkt, denn permanent horche ich doch in mich hinein, ob ich denn nun auch Lust habe, diese oder jene Aufgabe zu erledigen. Und hierbei ist es tatsächlich vollkommen unabhängig davon, ob es sich um eine Aufgabe handelt, die mir in meiner Vorstellung Freude bereitet (z.B. das Schreiben, das Arbeiten an meinen Texten) oder mit Widerständen behaftet ist (z.B. die Wohnung aufzuräumen). Der Fehler liegt bereits im Nachsinnen darüber, ob irgendeine Aufgabe mir freudige Gefühle bescheren möge oder nicht. Diese Haltung ist nicht nur Abraham3 geschuldet, sondern resultiert auch aus Erfahrungen des Einsseins. Denn im Zustand der Einheit mit sich selbst, ist man permanent in „Bewegung“ und erledigt die Aufgaben nicht weil sie Spaß machen würden oder eine „Pflicht“ darstellen, sondern: weil sie da sind. Die „Lustfrage“ taucht hierbei überhaupt nicht auf!

Wie soll man das beschreiben, ohne in die Zwickmühle der „Pflichterfüllung“ zu geraten und der vielgepriesenen Aussage, daß es „wehtun“ muß, wenn man weiterkommen will? Denn ist man in der Einheit, tut keine einzige Aufgabe weh, weil man eben nicht in der ewigen Diskussion mit sich selbst verfangen ist. Das ist, was Abraham meinen, wenn sie sagen: „Sieh zu, daß du dich erst gut fühlst und erledige dann die jeweilige Aufgabe.“ Doch genau diese Aussage führt wiederum dazu, daß man permanent in sich hineinhorcht, ob man sich nun gut genug fühlt für irgendeine Aufgabe oder nicht. Vermutlich werde ich mich nie besonders „happy“ fühlen, wenn ich die Steuer erklären muß. Aber die Aufgabe ist da und will so oder so erledigt werden. Und erst, wenn ich meine Gefühle irgendeiner Aufgabe gegenüber neutral halte, kann ich sie angehen, ohne meine Befindlichkeiten ständig ausloten zu wollen.

Anstrengend ist nie die Aufgabe an sich, sondern diese ewige Diskussion im Hirn mit sich selber; all diese Befindlichkeiten, die immer nur dazu dienen, sich selbst erhöhen zu wollen. Und wie ich an anderer Stelle schon zuhauf geschrieben habe, sammelt sich die widerständige Energie gegenüber einer Aufgabe, je weiter ich sie vor mir her schiebe. Denn sie geht ja nicht weg, die Aufgabe, doch mit der Verschiebetaktik nähre ich die Widerstände – bis eine eigentlich harmlose Aufgabe zu einem unüberwindlichen Berg anwächst.

Smiley-Langeweile_SNIPDas Ergebnis all dieser Diskussionen ist, daß ich lese, Filme schaue oder spiele. Und je länger ich meine Tage mit derlei Tätigkeiten verbringe, desto unzufriedener werde ich. Nicht einmal weil ich glaube, die aufgeschobenen Tätigkeiten seien exorbitant wichtig für mein Leben, sondern weil diese Form der Passivität, die wir „Erholung“ nennen, mir meinen Willen verwässert und mir meine Entschlußkraft raubt – die beiden wesentlichen Dinge, die uns sozusagen am Leben halten! Je mehr ich mich in diese Form der Passivität fallen lasse, gebe ich mir selbst das Signal der Stagnation und erhalte mehr und mehr das Gefühl, jede Aufgabe sei „zu anstrengend“. Mein Leben versinkt auf diese Weise in einem Brei der Untätigkeit.

Ein dicker fetter Stolperstein und Widerhaken ist gleichfalls der Glaube, man müsse dem Leben „seinen Stempel aufdrücken“, der Glaube, irgendetwas sinnvolles zu leisten. Diese Sinnfrage beinhaltet, daß wir einige Tätigkeiten als wertvoller erachten als andere (das wird von Kultur zu Kultur variieren). Hinter dieser allgemeinen Auffassung bezüglich der Sinnfrage steht wiederum der ewige Wunsch nach Anerkennung – vor uns selbst, vor den anderen. Doch auch darum geht es eben nicht. Es geht einzig darum, mit dem Leben zu schwingen, mit ihm zu tanzen; und das bedeutet, mich in einen Tanz zu begeben mit meinen Aufgaben, mit all jenen Dingen, die auf meiner Wanderung vor mir auftauchen und mit diesen umzugehen – ganz gleich, ob sie mir sinnvoll erscheinen oder nicht; ganz gleich, ob ich sie als häßlich oder schön empfinde.

(Spax 16.1.16)

Download PDF

Fußnoten

  1. Florinda Matus war Mitglied der Gruppe von Don Juan und lehrte Castaneda sowie dessen MitschülerInnen, von denen eine Florinda Donner-Grau war.
  2. Florinda Matus in Florinda Donner-Grau: Traumwache, München 1996 [1991], 388.
  3. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität. Da es sich hierbei um den Ausdruck einer Gruppen-Identität handelt, sprechen sie von sich immer in der Mehrzahl.