antriebslos

22. Februar 2016 at 04:51

Koala-schlafend_SNIP_PixelAnarchyHm, das ist ein Gedanke: Bringt mich das Seitenschreiben1 noch weiter fort von mir selbst und meinem Leben? Ich frage mich das immer mal wieder, weil ich ja nicht in die Hufe komme, nicht aktiv werde, meine Ideen nicht umsetze.

Das stimmt auf der einen Seite mit den Morgenseiten: Ich fühle mich mehr der Welt enthoben, wenn ich sie schreibe. Gleichzeitig habe ich allerdings ein stabileres Gefühl für mich selbst, weil ich durch das Schreiben sehen kann, wer ich bin, was ich denke etc. Die Seiten machen mich zu einer Beobachterin – von mir selbst und von der Welt. Würde ich keine Seiten schreiben, müßte ich sofort als erstes überlegen, was ich tu′, wenn ich den Tag beginne. Da das Seitenschreiben diesen Beobachtungsposten stärkt, habe ich nach dem Seitenschreiben jedenfalls größere Probleme, in einen aktiven Modus zu geraten.

Aber wie ist es ohne die Seiten? Ohne die Seiten bin ich gleich in meine Welt geworfen und sozusagen gezwungen darin zu handeln. Im Moment würde ich denken, daß die Seiten mit einen Anteil daran haben, daß ich nicht in die Hufe komme. Doch wie war es früher? Da gab es auch schon diese ungerichtete innere Unruhe in mir.

Zwischengedanke von gestern: Die Liebe hat mich immer glücklich gemacht, sie gab mir Gelassenheit. Die Liebe hat das gemacht. Aber es war nicht die Liebe zu jemandem, sondern das Gefühl der Einheit mit jemandem. Oder wie Abraham2 es formulieren: Es ist das Gefühl der Einheit mit sich selbst. Und wenn ich z.B. eine andere Person als Brücke für dieses Gefühl hernehme, ist das ebenso okay als wenn ich irgendwelche Übungen mache, um diese Kluft zu schließen. Aber darum geht es immer: die Kluft in mir zu schließen dieses Widerspruchs, in dem wir mit uns selbst leben.

Ich lasse mich ziehen von den anderen, von meinen Freunden. Ich gerate in Bewegung, sobald ich mit jemandem irgendetwas unternehme. Ich genüge mir nicht selbst – nein, das stimmt nicht, es muß heißen: Mit mir selbst finde ich keinen Antrieb, an dieser Welt teilzunehmen; und das eben auch nur, weil ich meinen Impulsen nicht folge. Etwas mit Leidenschaft einzuüben wäre auch ein schöner Antrieb.

Ob ich in die Hufe komme oder nicht, scheint vor allem ein körperliches Ding zu sein. Denn wenn ich meinen Körper einsetze – ganz gleich ob durch Hausarbeit oder das Werkeln mit irgendetwas, spazieren gehe oder Energieübungen mache –, ist es mein Körper, der mich in der Welt verankert. Je mehr ich ihn spüre, desto mehr fühle ich mich in der Welt. Dazu gehört vielleicht auch das Auspowern. Kommt daher nicht auch das Bild eines „vergeistigten Professors“? Dadurch, daß viele Wissenschaftler in ihren Forschungen vergraben sind und sich häufig körperlichen Betätigungen nicht groß aussetzen, sind sie weniger „anwesend“ in der Welt.

Unser Mechanismus des Denkens ist eine Art Flucht aus der Welt; erst das Kopfdenken führt zu unserer Zweigeteiltheit und produziert erst die Kluft in uns selbst, die uns dann so unüberbrückbar scheint, weil wir lernen, uns mit unseren Gedanken zu identifizieren anstatt mit unserem Körper, der stets zu hundert Prozent in der Welt anwesend ist. Was jedoch eigenartig ist: Je mehr wir uns mit dem Higher Self verbinden – z.B. durch Meditation –, beinhaltet dies, daß wir hierdurch ebenfalls das Gefühl für unsere Körperlichkeit verlieren. Das ist doch erstaunlich, daß die beste Annäherung, die wir an unsere Verbindung mit dem Gesamt-Bewußtsein haben können, uns ebenfalls das Gefühl für unsere Körperlichkeit nimmt. Daher glaube ich, diese Kluft in uns selbst schließt sich erst, wenn wir unsere Erfahrungen, die wir im Verbundensein mit dem Gesamt-Bewußtsein machen, wieder in unseren Körper leiten.

Buddha-7_SNIP_geraltAh, und das ist der Unterschied zwischen all den meditierenden Gurus und jenen Lehrern, die sich als „Krieger“ bezeichnen. So wie wir uns zunächst ausschließlich mit unseren Kopfgedanken identifizieren, identifizieren sich die Gurus ausschließlich mit dem Higher Self. Beide Lebensweisen ignorieren mehr oder weniger die Impulse des Körpers, der ja das eigentliche Mittel zum Ausdruck ist. Erst wenn ich meine Erkenntniswelt des Higher Self mit meiner Körperlichkeit verbinde, wird ein Schuh daraus, und ich bin zu hundert Prozent auch anwesend in der Welt. Dieses Gefühl des Ganzseins empfinden und bezeichnen wir als „bedingungslose Liebe“. Da dies zeitgleich das Grundgefühl ist unseres Gesamt-Bewußtseins oder des Higher Self, ist es nur verständlich, sich auf spiritueller Ebene hiermit verbinden zu wollen. Die Schwierigkeit liegt darin, diese Empfindungen auch im Alltag zu leben, in der Interaktion mit unseren Mitmenschen, denn wie Don Juan3 sagt: Unser härtester Gegner und unsere härteste Prüfung sind unsere Mitmenschen.

Ich hab das immer noch nicht ganz klar, denn viele der Aufgewachten interagieren ja mit anderen, indem sie ihr Wissen z.B. in Satsangs, Seminaren, Vorträgen etc. weitergeben. Doch wenn der „Feind“ kommt, dich zu „vernichten“, sind auch diese Menschen genauso handlungsunfähig wie jemand, der eben nicht aufgewacht ist. Die Aufgewachten akzeptieren zwar bereitwillig den Tod und lassen sich fallen in ihr „Schicksal“, was okay ist, aber es ist eben ein passives Hinnehmen anstatt eine eigene Entscheidung, sich selbst zu transformieren. Daher muß ich schlußfolgern, daß diese Art der passiven Erkenntnisform – über den ausschließlichen Fokus mit dem Higher Self – den Körper ebenso ignoriert wie eine Identifikation mit den Kopfgedanken.

Was all die Gurus machen ist, ihre Erkenntnisse weiterzugeben. Aber keine eigene Erkenntnis nützt einem anderen etwas, sofern der andere nicht in der Lage ist, diese Erkenntnisse auch umzusetzen oder anzuwenden. Es ist ja dasselbe mit unseren Kopfgedanken, denn meine eigene Idee vom Leben gleicht noch lange nicht derjenigen eines anderen. Was ich daher für mich als gut und „richtig“ erkannt habe, gilt für mich allein, nicht auch für den Rest der Welt. Erkenntnisse fußen grundsätzlich auf der eigenen Auseinandersetzung mit der Welt, sie sind nicht transferierbar, können höchstens als Anregung dienen in dem ganz eigenen Denkprozeß eines Gegenübers.

Und das ist der Knackpunkt bei beiden Ansätzen – ob ich nun mit meinen Kopfgedanken identifiziert bin oder mit meinem Higher Self: Solange wie ich nicht herauskomme aus meinem Kopf und meine Erkenntnisse umsetze in meinen körperlichen Alltag, habe ich nicht wirklich etwas gewonnen. Denn ich erfahre ja täglich, an welchen Stellen mein Alltag eben nicht so funktioniert wie ich es gern hätte, an welchen Stellen ich meine Erkenntnisse in neue Handlungen und Übungen umsetzen muß, damit sich mein Leben in die Richtung verändert, wie ich es haben will.4 That′s our battleground, always. In dieser Welt lernen wir, indem wir unsere Erkenntnisse in entsprechende Handlungen umsetzen. Nur in der Einheit mit unserem Körper finden wir zu jener Ganzheit, die wir erstreben.

(Spax 22.2.16)

(Siehe auch den Beitrag vom 25.9.15: Gespaltene Wahrnehmung.)

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Fußnoten

  1. Gemeint ist das Schreiben der Morgenseiten.
  2. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität. Da es sich hierbei um den Ausdruck einer Gruppen-Identität handelt, sprechen sie von sich immer in der Mehrzahl.
  3. Don Juan ist der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  4. Zwar sind die Gurus ganz zufrieden mit ihrem Leben, aber diese Zufriedenheit gründet sich eben ausschließlich darauf, alles hinzunehmen, wie es ist. Das ist völlig in Ordnung, aber eben auch nur möglich, wenn ich erstens der Ansicht bin, ich wüßte bereits alles, was es zu wissen gäbe und verweigere mich damit zweitens meinen weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, weil ich meine Handlungs-Impulse ignoriere.